Über große australische Weine, eine Attunga-Vertikale und die Frage, warum Frische heute mehr sagt als bloße Kraft.

3. September 2026 · Vinothek des BASF Weinkellers, Ludwigshafen

Australien begleitet mich persönlich schon lange. 1997 war ich zum ersten Mal dort, auf einer vierwöchigen Rundreise, die vieles hatte, was sich einprägt: große Distanzen, die einem das Gefühl von Unendlichkeit geben. Zudem überwiegend einfache Unterkünfte, viel Landschaft, direkte Begegnungen und diese besondere australische Offenheit, die man schwer erklären kann, wenn man sie nicht erlebt hat. Deshalb war dieser Abend für mich nicht nur eine Weinprobe. Er war auch eine kleine Rückkehr.

Der BASF Weinkeller gab dafür einen sehr passenden Rahmen. Edel und dennoch gastlich, versehen mit einer Dramaturgie, die Travis und „seinen Weinen“ Raum ließ. Im Jubiläumsjahr des 1901 gegründeten Weinkellers war diese Masterclass mit einem langjährigen südaustralischen Partnerweingut mehr als ein Programmpunkt: Sie war eine Einladung, Herkunft, Stil und Entwicklung eines Hauses live zu genießen.

Das Deckblatt zur Masterclass: Kilikanoon Clare Valley im BASF Weinkeller, 3. September 2026.

Ein Abend mit Reisecharakter

Durch den Abend führte Travis Fuller, Managing Director von Kilikanoon. Er war anlässlich von MUNDUS VINI in Neustadt, musste zwischenzeitlich nach Großbritannien und kam dann für diese Masterclass nach Ludwigshafen zurück, bevor es für ihn weiter in den Urlaub ging. Klingt aufwendig, aber man merkte, dass er es gerne tat. Der Abend begann für uns und ihn entsprechend wertschätzend mit Bollinger Special Cuvée als Apéritif. BASF-Weinkeller Sommelier Julian Neumann ordnete ihn als „damit liegt man fast immer richtig“ ein. Keiner widersprach.

Travis Fuller ist ein erfahrener internationaler Weinmanager mit ausgeprägtem Schwerpunkt auf Premiumweinen, Markenführung und Marktentwicklung. Er weist rund 30 Jahre Erfahrung bei Southcorp, Accolade, Casella und Pernod Ricard Winemakers auf. Zu den von ihm betreuten Marken zählten unter anderem Penfolds, Seppelt, Hardy’s und Marken der früheren Petaluma-Gruppe. Vor dem Wechsel war er Global Fine Wine Director bei Pernod Ricard.

2020 kam er als General Manager zu Kilikanoon und übernahm die operative Nachfolge von Warrick Duthy. Heute führt ihn das Weingut als Managing Director. Seine berufliche Stärke liegt darin, sensorische Kompetenz mit dem Verständnis für Vertrieb, Positionierung und internationale Märkte zu verbinden.

Er wurde zudem zum Jury President des MUNDUS VINI Summer Tasting 2026 ernannt und ist als Juror australischer Weinwettbewerbe tätig.

Persönlich, dicht am Glas und ohne große Bühne: Eindrücke aus der geführten Masterclass.

Kilikanoon: junges Weingut, alte Reben

Kilikanoon arbeitet nicht nur über Einzellagen. Auch Assemblage ist Teil des Qualitätsverständnisses. Das kann eine Rebsorte aus verschiedenen Parzellen bedeuten, eine Cuvée aus mehreren Sorten oder die Auswahl bestimmter Fässer. Entscheidend ist nicht das Etikett „Blend“ oder „Single Vineyard“, sondern ob der Wein seine innere Logik findet.

Clare Valley selbst wurde nicht als bloße Kulisse vorgestellt. Die Folien führten über Geologie, Höhenlagen, Böden und Klima in die Region hinein. Terra Rossa in Watervale, Schiefer und Sandstein in anderen Bereichen, heiße Tage, kühle Nächte, unterschiedliche Expositionen und Mikroklimata: Das klingt zunächst nach vertrautem Terroir-Vokabular, der Eindruck ändert sich, sobald man das zugehörige Ergebnis schmeckt. So wurden Riesling, Pinot Gris, Grenache, Cabernet und Shiraz konkret im Verhältnis zur zuvor beschriebnen Lage und mikroklimatischer Besonderheit.

Clare Valley als Herkunftsraum: Geologie, Höhenlagen, Klima und Mikroklimata waren ein zentraler Teil der Präsentation.

Kilikanoon wurde 1997 von Kevin Mitchell im Clare Valley in South Australia gegründet. Das Weingut selbst ist damit vergleichsweise jung; einige seiner Rebanlagen sind es ausdrücklich nicht. Schon die ersten Weine – Oracle Shiraz, The Prodigal Grenache, Blocks Road Cabernet Sauvignon und Mort’s Block Watervale Riesling – zeigen, worum es dem Haus bis heute geht: Riesling, Shiraz, Cabernet Sauvignon und Grenache als tragende Sorten, ergänzt durch die Frage, wie viel Herkunft in einer Flasche sichtbar werden kann.

Die Dramaturgie der Verkostung

Nach dem Apéritif folgte der eigentliche Kilikanoon-Bogen: 2022 Killerman’s Run Riesling, 2022 Skilly Valley Pinot Gris, 2022 Spirit of 1865 Shiraz als BASF Exklusiv, 2019 Killerman’s Run Cabernet Sauvignon, 2016 The Prodigal Grenache – und schließlich die Attunga-Vertikale mit 2019, 2018, 2010 und 2009 aus der Magnum.

Diese Reihenfolge erzählte mehr als eine Liste von Flaschen. Riesling und Pinot Gris zeigten zuerst, dass Clare Valley nicht nur Rotwein-Power kann. Der Riesling stand für Zitrus, Säure und Geradlinigkeit, wobei die Flaschenreife bereits einen harmonisch-rundere Entwicklung mit sich brachte. Der Pinot Gris stand für einen von Natur aus runderen, texturbetonten Weißweinstil. Gerade dieser Auftakt war sinnvoll, weil er das spätere Thema des Abends vorbereitete: Frische ist keine Nebensache. Sie ist Struktur.

Der Spirit of 1865 Shiraz bildete als BASF-Exklusivwein den Ludwigshafener Brückenschlag, einen kraftvollen Shiraz ohne übermäßige Schwere. Gearde auch im Preis-Leistungsverhältnis ein Hit.

Die Verkostungsliste des Abends: vom Riesling bis zur Attunga-Vertikale.

Cabernet, Grenache und die Kunst der Balance

Der 2019 Killerman’s Run Cabernet Sauvignon brachte eine andere Architektur in die Verkostung. Cabernet aus Clare Valley wirkt anders als Shiraz: Weniger über reine Fülle, stärker über Gerbstoff und dunkle Frucht sowie Anklänge von Kräutern und Tabak. Das Jahrgangsprofil nennt 16 Monate in neuen und gebrauchten französischen Hogsheads, Cassis, Tabakblatt, dezente Röstaromen und französisches Holz. Travis Fuller sprach in diesem Zusammenhang über kleine Beeren, geringe Beerendichte und Handlese – also über die Voraussetzungen, aus denen Konzentration nicht als Schwere, sondern als Struktur entstehen kann.

The Prodigal Grenache 2016 war der ideale Schritt vor Attunga. Grenache wird in Australien zunehmend neu verstanden. Nicht nur alkoholreich und breit, sondern duftig, feinwürzig und manchmal erstaunlich transparent, wenn man ihm Raum lässt. Der 2016er zeigt jedoch noch eine klassischere, dunklere und stärker ausbaugeprägte Seite: Alte Watervale-Weinberge, 15 Monate in gebrauchten französischen Hogsheads, dunkle Kirsche, Potpourri, etwas Rauch und Marzipan, dazu feines, kreidig wirkendes Tannin. Genau dadurch wurde der spätere Blick auf aktuelle Stilentwicklungen umso interessanter.

Der Trend geht zu mehr Frische, weichere Tannine, klarere Frucht, weniger Dominanz des Holzes – ohne dass Kraft verschwindet. Gute Entwicklung heißt hier nicht, einen Stil zu verleugnen, sondern ihn genauer zu setzen.

Mehrere Gläser, mehrere Blickwinkel: Die Verkostung lebte vom Vergleich, nicht vom schnellen Urteil.

Attunga 1865, mein wow-Moment

Der stärkste Moment des Abends war für mich die Attunga-Vertikale. Nicht, weil hier automatisch „die teuersten Weine“ standen. Das versprach in der Ankündigung viel, wäre letztlich jedoch zu einfach. Sondern weil vier Jahrgänge desselben großen Shiraz zeigen konnten, was Herkunft, Alter, Fass und die folgende Flaschenreife tatsächlich bedeuten können.

Attunga bedeutet nach Angaben Kilikanoons in der lokalen Ngadjuri-Sprache „high place“. Selten trifft es ein Name so gut auf den Punkt: Die Einzellage liegt nördlich von Auburn, auf Terra-Rossa-Böden, trocken bewirtschaftet und geprägt von Shiraz-Reben, deren Geschichte bis 1865 zurückreicht. Kilikanoon beschreibt heute rund 800 überlebende alte Reben, die jährlich nur sehr geringe Mengen Trauben liefern. In der Masterclass wurde daraus keine historische Dekoration, sondern ein lebendiges Bild: ein Weinberg, der über Generationen fortgeführt wird. Travis Fuller erzählte dazu von der Fortführung abgestorbener Rebstöcke über Absenker – also von einer Mutter-Tochter-Fortführung alten Rebmaterials.

Die Jahrgänge 2019 und 2018 wirkten in der Logik der Verkostung wie zwei nahe Verwandte: Für beide sind 18 Monate in neuen und einjährigen französischen Hogsheads nachvollziehbar. Beim 2018er kam zusätzlich eine längere Flaschenlagerung vor der Freigabe hinzu. Der 2010er führte deutlich stärker in die Reife und ist mit 22 Monaten in neuen und einjährigen französischen Hogsheads beschrieben. Doch der eigentliche Gewinn dieser Vertikale lag nicht darin, einen Sieger auszurufen. Spannender waren die Fragen:
> Was bleibt gleich?
>Was verändert sich?
>Wie trägt die Frucht?
> Wie wirkt das Holz?
Und letztlich entscheidet die eigene geschmackliche Präferenz, die Meinung der Teilnehmer ging durchaus weit auseinander! Denn bei guten Weinen merkt man, dass Alter nicht einfach „mehr“ bedeutet. Es bedeutet anders.

Weniger Holz? Eher: genauer eingesetztes Holz

Wie bereits erwähnt geht gerade in Australien der Trend hin zu fruchtig-frischeren Weinen. Bei Kilikanoon sind kürzere Fasszeiten in einzelnen Linien nachvollziehbar:
> Killerman’s Run Cabernet von 16 Monaten im Jahrgang 2019 auf 12 Monate im Jahrgang 2023
> The Prodigal Grenache von 15 Monaten 2016 auf 9 Monate 2023
> Attunga 1865 von 22 Monaten 2010 auf 18 Monate 2018 und 2019
Gleichzeitig beweist das keine simple Unternehmensregel „weniger Holz gleich besser“. Natürlich greifen auch ander Ansätze neben der reinen Fassdauer. Fassgröße, Toastung und Fasshistorie sind weitere Stellschrauben um eine stärkere oder weniger stark vom Holz geprägte Aromatik zu steuern.

Gerade Attunga zeigt das gut. 18 Monate in neuen und einjährigen französischen Hogsheads bleiben ein substanzieller Holzeinsatz. Nur steht das Holz nicht als Aromenkulisse im Vordergrund, sondern als Strukturmittel.

Was bleibt

Kilikanoon verdient auf dieser Seite noch ein eigenes Porträt. Die Webseiten hier sind ja noch im Aufbau. Dieser Abend war dafür nicht das Ende, sondern erst der Anfang!

Und manchmal reicht dafür ein Bildschirm mit Clare Valley, ein paar Gläser auf dem Tisch, ein guter Gastgeber – und eine Vertikale, die zeigt, dass alte Reben im Stillen mächtig Eindruck hinterlassen.


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