Eine Weinprobe beim Weingut Frank John
Mit den Kultur- und Weinbotschaftern im Hirschhorner Hof in Neustadt-Königsbach · 31. Juli 2026

2002
Alles auf Anfang
Gerlinde und Frank John erwerben den ehemaligen Zehnthof und restaurieren das Ensemble mit seinem historischen Kreuzgewölbekeller.
2003
Erste Weine
Der erste Jahrgang: Ein Riesling, ausgebaut in einem Pfälzer Stückfass. Und ein Pinot Noir, ausgebaut im Barrique.
2012
Demeter-Zertifizierung
Biodynamische Bewirtschaftung, lebendige Böden und möglichst wenige Eingriffe im Keller bilden ein ganzheitliches Verständnis von Weinbau.
2020/2021
Weinprinzessin Dorothea
Mitten in der Pandemie wurde Dorothea John 2020 zur Pfälzischen Weinprinzessin gekürt – ausgerechnet für ein Amt, das eigentlich von Begegnungen, Weinfesten und Reisen lebt. Vieles verlagerte sich stattdessen ins Digitale.
Manche Weinproben beginnen mit dem ersten Glas. Diese begann eigentlich schon vor der Tür. Der Hirschhorner Hof in Neustadt-Königsbach ist ein Renaissanceanwesen mit mehr als 400 Jahren Geschichte – ein Ort, an dem Wein, Architektur und Pfälzer Kultur unmittelbar zusammenkommen. Gerlinde und Frank John erwarben den ehemaligen Zehnthof 2002 und restaurierten das Ensemble mit seinem historischen Kreuzgewölbekeller. Seit 2003 entstehen hier die Weine des Hauses.
„Große Weine alter Schule“ lautet das Motto. Das klingt zunächst nach Rückblick, beschreibt aber eher eine Haltung: biologisch-dynamischer Weinbau, Handlese, spontane Gärung, lange Reife, Holz als Entwicklungsraum und möglichst wenige korrigierende Eingriffe. Seit dem Jahrgang 2012 ist der Betrieb Demeter-zertifiziert. Tradition wird hier nicht inszeniert, sondern als handwerkliches Prinzip weitergeführt.
Für unsere Runde der Kultur- und Weinbotschafter war das ein idealer Ort. Denn genau hier lässt sich zeigen, was Wein als Kulturgut ausmacht: Er entsteht nicht allein aus einer Rebsorte, sondern aus Landschaft, Geologie, Geschichte, Handwerk und den Menschen, die all das miteinander verbinden.
Biodynamie als Teil des Systems
Die biologisch-dynamische Bewirtschaftung steht bei Frank John nicht isoliert neben der Kellerarbeit. Sie gehört zum selben Qualitätsverständnis. Seit Beginn arbeitet das Haus mit biologisch-dynamisch erzeugtem Traubengut; seit 2012 ist der Betrieb Demeter-zertifiziert.
Dazu kommen Ansätze zur Förderung von Biodiversität, Humusaufbau und einer widerstandsfähigen Kulturlandschaft. Entscheidend ist dabei weniger das einzelne Schlagwort als das Zusammenspiel: Die Arbeit im Weinberg soll möglichst eigenständige Trauben hervorbringen, damit im Keller möglichst wenig korrigiert werden muss. Minimalismus im Keller beginnt folglich nicht erst bei der Gärung, sondern im Weinberg.
Von Reben und Böden, ziemlich viel Zeit und der Weine daraus
Die Probe führte über sieben Stationen: Pinot Noir Kalkstein 2023, Pinot Noir Königsbacher 2022, Chardonnay Kalkstein 2025, Riesling Buntsandstein 2023, Riesling aus den Gärten 2022, Riesling Brut 36 aus 2020 und Riesling Brut Nature.
Schon diese Auswahl erzählte viel über das Haus. Kalkstein und Buntsandstein standen nebeneinander, Pinot Noir und Chardonnay trafen auf Riesling, Stillwein auf traditionelle Flaschengärung. Der gemeinsame Nenner war nicht eine bestimmte Aromatik, sondern die Art, wie die Weine entstehen: wenig Beschleunigung, lange Entwicklungszeiten und eine auffallend konsequente Idee davon, was Herkunft im Glas bedeuten kann.

Grande Marée – ein Reifekeller im Atlantik
Wie weit sich dieser Gedanke treiben lässt, zeigt einer der ungewöhnlichsten Sekte des Hauses: Grande Marée. Nach der klassischen Flaschengärung und langem Hefelager wird eine kleine Zahl von Flaschen für eine weitere Reifephase vor der bretonischen Insel Ouessant im Atlantik versenkt. In etwa 60 Metern Tiefe herrschen Dunkelheit, niedrige und relativ konstante Temperaturen, Gezeitenbewegung und ein hydrostatischer Druck in einer Größenordnung, die dem Druck im Inneren einer Sektflasche nahekommt.
Das klingt spektakulär – und berührt zugleich eine ernsthafte önologische Fragestellung. Wissenschaftliche Untersuchungen zur Unterwasserreifung zeigen inzwischen, dass diese besonderen Lagerbedingungen die Entwicklung von Wein beeinflussen können. Eine 2024 veröffentlichte Untersuchung verglich Weine, die sechs Monate in 52 Metern Tiefe bei rund 6,3 bar lagerten, mit identischen Kellerproben. Dabei zeigten sich Unterschiede insbesondere im phenolischen Profil, in der Farbentwicklung und in sensorischen Vergleichstests. Eine aktuelle wissenschaftliche Übersicht kommt ebenfalls zu dem Ergebnis, dass Unterwasserlagerung zwar die grundlegenden Weinparameter nicht grundsätzlich verändert, die phenolische, farbliche und sensorische Entwicklung jedoch beeinflussen kann.
Grande Marée ist deshalb mehr als eine hübsche Geschichte vom Wein auf dem Meeresgrund. Der Sekt verbindet ein sehr altes Verfahren – die Flaschengärung – mit einer ungewöhnlichen Interpretation von Reifung. Und ganz nebenbei liefert er vermutlich einen der wenigen Fälle, in denen man beim Thema Terroir ernsthaft darüber diskutieren kann, ob für eine Weile auch der Atlantik dazugehört.
Eine Familiengeschichte – und ein außergewöhnliches Amtsjahr
Der Hirschhorner Hof erzählt nicht nur von Wein, sondern auch von einer Familie. Frank und Gerlinde John arbeiten gemeinsam mit der nächsten Generation am Weingut. Dorothea John wurde 2020 zur Pfälzischen Weinprinzessin gewählt und gehörte 2020/21 zum Team der Pfälzischen Weinhoheiten.
Ihr Amtsjahr fiel damit genau in die Corona-Pandemie – in eine Zeit, in der Weinfeste, Veranstaltungen, Reisen und persönliche Begegnungen weitgehend ausfielen. Ein erheblicher Teil der Repräsentationsarbeit verlagerte sich ins Digitale. So wurde ausgerechnet ein Amt, das normalerweise vom unmittelbaren Kontakt mit Menschen lebt, zu einem besonderen Zeitzeugnis jener Jahre. Auch das gehört inzwischen zur jüngeren Geschichte der Pfälzer Weinkultur.

Mein Fazit – „alte Schule“ kann erstaunlich modern sein
Am Ende blieb für mich vor allem ein Gedanke hängen: „Große Weine alter Schule“ ist weniger rückwärtsgewandt, als der Satz vordergründig vermuten lässt. Vieles daran wirkt vielmehr ausgesprochen zeitgemäß. Herkunft statt vordergründiger Effekte. Biodynamie als Teil eines Gesamtsystems. Und Zeit nicht als Kostenfaktor, den es möglichst zu reduzieren gilt, sondern als Bestandteil der Weinbereitung sowie der Qualitätsprägung.
Gerade die Gegenüberstellungen machten die Probe so interessant: Kalkstein und Buntsandstein, Pinot Noir und Riesling, Stillwein und Sekt – und schließlich die Vorstellung, dass ein „Reifekeller“ sogar 60 Meter unter der Oberfläche des Atlantiks liegen kann.
Für unsere Runde der Kultur- und Weinbotschafter war das deshalb weit mehr als eine klassische Weinprobe. Es war ein sehr anschauliches Beispiel dafür, wie sich Pfälzer Wein erzählen lässt: über Geologie und Geschichte, über Menschen und Handwerk – und am Ende natürlich über das, was davon im Glas tatsächlich erfahrbar wird.


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