Zwanzig Jahre Kultur- und Weinbotschafter Pfalz: Ein Treffen für 20 Generationen an Weinbotschaftern, Festreden, drei Rosé-Stile und easy-drinking Weine
29. August 2026 · Herrenhof, Neustadt-Mußbach

Ein Jubiläum, das nicht nur zurück blickt
Beim Jubiläum im Herrenhof traf Wiedersehensfreude auf Önologie: Prof. Dr. Ulrich Fischer zeigte, wie Rosé seine Stilistik durch die Entalkoholisierung retten kann – und warum „Easy Drinking“ alles andere als anspruchslos ist.
Manche Jubiläen funktionieren vor allem über Rückblicke. Dieses hier hatte erfreulich viel Gegenwart – und einen Blick in Trends und Zukunft des Weins. Wir feierten im Herrenhof in Neustadt-Mußbach, das 20-jährige Bestehen der die Kultur- und Weinbotschafter Pfalz.
Den Auftakt habe ich glatt verpasst. Als überzeugter „don’t drink and drive“ Bus- und Bahnfahrer hatte ich beschlossen, dem Thema ‚Genuss und Entschleunigung‘ eine praktische Note zu geben: Als ich ankam, war die Eröffnung durch Michael Ceranski bereits vorbei. Schade – denn unser erster Vorsitzender ist ein ausgesprochen freundlicher und umgänglicher Typ und steht sichtbar für die Eigenschaften des Vereins: viel Aktivität, Weiterbildung, Vernetzung und ein ausgeprägter regionaler Bezug.

| Wer ist Michael Ceranski? Michael Ceranski ist seit März 2025 erster Vorsitzender der Kultur- und Weinbotschafter Pfalz e.V. Zuvor gehörte er bereits dem Vorstand an. Neben der Vereinsarbeit beschäftigt er sich auch mit regionaler Wein- und Kulturgeschichte, unter anderem in Mutterstadt. Damit passt seine Arbeit ziemlich genau zur Idee der Kultur- und Weinbotschafter: Wein nicht isoliert im Glas zu betrachten, sondern in Landschaft, Geschichte und Alltagskultur einzuordnen. |
Für mich war der Tag zunächst vor allem ein Wiedersehen. Fast alle aus meinem eigenen Kurs waren da. Wenn ich mich auf unseren Veranmstaltungen umschaue kommt mir in den Sinn, dass das wohl keine Selbstverständlichkeit ist, sondern die Ausnahme. Und es sagt einiges über unsere Truppe: Wir verschwinden offenbar nicht einfach mit Zertifikat in der Schublade. Wir sind aktiv, treffen uns immer wieder überraschend und unverabredet Man, bilden uns weiter, diskutieren Wein, Kultur und Region – und reden dann so viel, dass das Fotografieren schnell zur Nebensache wird. Daher vielen Dank an Andreas Feinbube, der als Einziger das Dokumentieren des Ereignisses ernst genommen und ausreichend Bidler geschossen hat. Und von denen ich einzelne verwenden darf!


Zum Programm:
Neben Fest- und Eröffnungsreden, einem aktuellen Angebot an Wein und Schaumwein sowie Kulinarik in Form von vier Food-Trucks lag der fachliche Schwerpunkt des Jubiläums bei Prof. Dr. Ulrich Fischer. Seine Vorträge behandelten die Roséwein-Stilistik vor und nach der Entalkoholisierung als auch der neue Trend an easy-drinking-Weinen. Beides lässt sich wissenschaftlich analysieren
Ulrich Fischer: Wissenschaft, die im Glas überprüfbar wird
Den fachlichen Mittelpunkt des Programms bestritt Prof. Dr. Ulrich Fischer. Er leitet am DLR Rheinpfalz die Abteilung Weinbau und Önologie und zugleich den Landesarbeitskreis Oenologie Rheinland-Pfalz. Seine Arbeit reicht von Sensorik und Kellerwirtschaft bis zu aktuellen Fragen der Entalkoholisierung. Genau diese Verbindung von Forschung und Praxis macht seine Vorträge so stark und ausgesprochen interessant: Es ging nicht um abstrakte Modelle, sondern um konkrete Weinstile, konkrete Ausbauentscheidungen – und ihre sensorischen Folgen. Abgesheen davon hat er viel Humor und glaubhaft Spaß an seiner Arbeit, weshalb es einem auch egal sein könnte, worüber er referiert – es ist so oder so ein Erlebnis.

Fast schon eine kleine Jubiläumstradition: Bereits beim zehnjährigen Bestehen der Kultur- und Weinbotschafter Pfalz im Jahr 2017 war Fischer mit einem Fachvortrag Teil des Programms. Damals ging es um Terroir. Neun Jahre später stand nun die Frage im Raum, wie Wein auf veränderte Konsumgewohnheiten reagieren kann, ohne beliebig zu werden.
Teil I: Rosé – und was nach dem Alkoholentzug vom Stil übrig bleibt
Fischer begann mit einem Marktbild, das bereits neugierig machte: In Deutschland wurden 2021 rund 1,7 Mio. Hektoliter Rosé konsumiert, aber nur etwa 0,7 Mio. Hektoliter erzeugt. Rosé ist also keineswegs nur eine saisonale Nebenfarbe zwischen Weiß und Rot. Gleichzeitig wächst das Interesse an alkoholfreien beziehungsweise entalkoholisierten Varianten – und damit eine technische Herausforderung: Alkohol ist nicht nur berauschender Inhaltsstoff, sondern auch Träger von Körper, Süßeeindruck und Aromawahrnehmung.
Beim Entalkoholisieren verschiebt sich die sensorische Statik des Weins. Der saure Geschmack tritt deutlicher hervor, Körper und Viskosität nehmen ab, und je nach Verfahren können flüchtige Aromastoffe verloren gehen. Der DLR-Leitfaden zur Entalkoholisierung empfiehlt deshalb ausdrücklich, bereits den Grundwein auf die spätere Alkoholreduktion hin zu konzipieren: aromatisch intensiv, mit moderater Säure und einem Mundgefühl, das den Verlust an Alkohol auffangen kann.
Die Forschungsfrage hinter Fischers Rosé-Versuch war deshalb ausgesprochen praxisnah: Lassen sich unterschiedliche Rosé-Stile so deutlich vinifizieren, dass ihre Unterschiede auch nach der Entalkoholisierung erkennbar bleiben? Die Antwort aus der 2026 vorgestellten Untersuchung lautet: ja. Die Stilunterschiede blieben sensorisch gut erhalten; am geringsten veränderte sich der als „Provence“ bezeichnete Stil, gefolgt von „Thiol“ und „Fumé“.
Drei Stile, drei önologische Handschriften

Versuchsaufbau der drei Rosé-Stile: Provence, Fumé und Thiol. Die Bezeichnungen beschreiben hier experimentell definierte Stilrichtungen, keine weinrechtlichen Kategorien.
- Provence-Stil – Präzision und Zurückhaltung
Handlese, Ganztraubenpressung, kein SO₂ vor der Gärung, vergleichsweise niedrige Trübung nach der Flotation und eine malolaktische Gärung. Das Ziel ist nicht maximale Aromawucht, sondern ein feiner, klarer, eher zurückhaltender Rosé mit Frische und möglichst wenig phenolischer Härte. In der Untersuchung war gerade dieser Stil nach der Entalkoholisierung sensorisch am stabilsten. - Fumé-Stil – mehr Textur, mehr Ausbau
Auch hier: Handlese und Ganztraubenpressung. Danach wird der Wein deutlich stärker über die Kellerarbeit geformt: höhere Trübung, ein für Burgunderstile geeigneter Hefestamm, malolaktische Gärung, Eichenholzchips während der Gärung und wöchentliche Bâtonnage. Das erzeugt mehr Volumen, Hefigkeit und eine rauchig-würzige Ausbaukomponente – also genau jene Eigenschaften, die bei Alkoholentzug stärker neu austariert werden müssen. - Thiol-Stil – Frucht bewusst nach vorne
Dieser Stil setzt stärker auf Aromaschutz und auf die Freisetzung flüchtiger Thiole: SO₂ und Ascorbinsäure bereits bei der Verarbeitung, gezielte Hefewahl, kühle Vergärung und wiederum malolaktische Gärung. Sensorisch geht die Idee in Richtung intensiver, heller Frucht – Zitrus, exotische Anklänge und die für thiolbetonte Weine typische aromatische Direktheit.
Das Entscheidende daran ist weniger, welcher Stil „gewinnt“. Spannender ist, dass sich Stilistik gezielt bauen und offenbar auch durch einen technologisch einschneidenden Prozess wie die Entalkoholisierung hindurch bewahren lässt. Genau hier wird aus Trendbeobachtung echte Produktentwicklung.
Teil II: Easy Drinking – simpel zu trinken, keineswegs simpel zu machen
Der zweite Teil des Vortrags wechselte die Perspektive: weg von der Frage „Wie viel Alkohol bleibt?“ hin zu „Wie viel Widerstand soll ein Wein beim Trinken überhaupt leisten?“ Easy-Drinking-Weine sind dabei nicht mit belanglosen oder bloß süßen Weinen gleichzusetzen. Gemeint ist ein Stil mit hohem Trinkfluss: klarer Frucht, moderater Struktur, wenig Bitterkeit, begrenztem Tannin, kontrollierter Säure, häufig moderatem Alkohol und – je nach Stil – einer kleinen Restsüße oder etwas CO₂, das Frische und Saftigkeit unterstützt.
Das passt zu einem Markt, in dem Wein stärker um Aufmerksamkeit konkurriert: mit alkoholfreien Alternativen, Cocktails, Bier, Longdrinks und schlicht mit dem Wunsch nach unkomplizierterem Genuss. Die Herausforderung lautet also nicht, Wein „leichter“ zu erklären, sondern ihn sensorisch zugänglicher zu gestalten, ohne Identität zu verlieren.
Chilled Red: Rotwein ohne Schwere

Chilled Red als Stilkonzept: Frucht vor Komplexität, moderate Tannine, kurze Maischestandzeit, kein Holz – dafür Frische, Saftigkeit und Trinkfluss.
Für gekühlt zu trinkende Rotweine empfahl Fischer Rebsorten beziehungsweise Klone mit langsamem, begrenztem Zuckeraufbau, darunter Portugieser, Dornfelder, St. Laurent, Satin Noir, Laurot und ältere Spätburgunderklone wie Mariafeld. Geerntet wird vergleichsweise früh bei etwa 80 bis 85 °Oe, ohne Anreicherung. Die Maischegärung bleibt mit 25 bis 28 °C moderat, die Maischestandzeit mit fünf bis sieben Tagen kurz. 30 bis 50 Prozent ganze Trauben oder Beeren können die Frucht über eine Form der intrazellulären Gärung fördern. Holz wird vermieden; eine malolaktische Gärung dient dagegen der Stabilisierung und Säureharmonisierung. Etwas wahrnehmbares CO₂ und – je nach Stil – 4 bis 16 g/L Restzucker können das saftige Mundgefühl weiter stützen.
Fruchtstil: Aroma ist kein Zufall

Auch „fruchtig“ ist ein präziser Ausbauauftrag: Reife Trauben, kurze Maischestandzeit, gezielte Mostklärung, passende Hefen und kühle Gärung.
Beim fruchtigen Weißweinstil beginnt die Arbeit bereits mit gesundem, reifem Lesegut. Kurze Maischestandzeiten, eine deutliche Mostvorklärung, Rebsorten mit geeigneten Aromavorstufen und gezielt ausgewählte Hefen sorgen dafür, dass Ester oder Thiole tatsächlich im gewünschten Maß entstehen. Dazu kommen eine gute Nährstoffversorgung der Hefe und kühle Gärtemperaturen von etwa 15 bis 20 °C. Der scheinbar „leichte“ Wein ist damit das Ergebnis einer erstaunlich langen Reihe bewusster Entscheidungen.
Praxis im Glas: drei ziemlich unterschiedliche Wege zur Zugänglichkeit
Ein feinherber 2025er Blanc de Noir aus Spätburgunder vom Bioweingut Weber in Flemlingen zeigte, wie sich Frucht, Säure und Restzucker austarieren lassen: Ganztrauben direkt auf die Presse, fruchtbetonte Hefe, Gärung um 19 °C, Abstoppen durch Kühlung und anschließend langes Feinhefelager. Mit 15,2 g/L Restzucker bei 7,3 g/L Säure wirkte das Beispiel nicht wie ein Kompromiss, sondern wie ein bewusst auf Balance angelegter Stil.
Der Spätburgunder „Paranoia“ vom Weingut Bergdolt-Reif & Nett in Duttweiler ging einen anderen Weg: handgelesen, entrappt, komplett im Edelstahl und ohne Holzeinfluss. 13,15 % vol. zeigen zugleich, dass Easy Drinking nicht automatisch „Low Alcohol“ bedeutet. Entscheidend ist vielmehr die sensorische Architektur: Frucht, weiches Tannin, wenig Ausbauaromatik und eine klare, unmittelbare Ansprache.
Noch offensiver spielte der 2025er Blütenmuskateller vom Weingut Sommer mit Frucht und Süße. 38,7 g/L Restzucker stehen 8,1 g/L Säure gegenüber; die Süße puffert die Säure, während thiolfreisetzende Hefe und die Verarbeitung auf eine aromatische Stilistik zielen. Das Ergebnis ist ein gutes Beispiel dafür, dass „zugänglich“ nicht „neutral“ heißen muss.
Zum Schluss wurde die Kategoriegrenze selbst interessant: eine prickelnde Wiesenkräuter-Infusion auf Basis früh gelesenen Traubensafts aus Sauvignac, Cabernet Blanc und Kerner, kombiniert mit Lavendel, Minze, Melisse, Zitronenverbene, Brennnessel und Schafgarbe. Technisch sauber mit Bentoniteinsatz und Pasteurisierung gedacht, geschmacklich weit weg von klassischem Wein – aber sehr nah an der Frage, wie Weinbaubetriebe neue Genussmomente aus ihrer eigenen Rohstoffkompetenz heraus entwickeln können.
Warum dieser Jubiläumstag hängen bleibt
Vielleicht war das die passendste Form, zwanzig Jahre Kultur- und Weinbotschafter Pfalz zu feiern: nicht mit einem langen Blick zurück, sondern mit einer Diskussion darüber, wie die Weine von Morgen schmecken könnten. Für mich kam jedoch noch etwas anderes dazu. Die KWB sind ein Netzwerk, Kollegen und auch Freunde. Das merkt man spätestens dann, wenn man in den Herrenhof hineinkommt, fast den gesamten eigenen Kurs wiedertrifft und der fachliche Teil zwischen Begrüßungen, Wiedersehen und Gesprächen fast beiläufig in einen langen Nachmittag übergeht.



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