Weinvielfalt zwischen Anden und Pazifik – ein Abend bei Grape Skills in Heidelberg

Chile ist auf der Weinkarte oft schneller einsortiert, als es dem Land gerecht wird: Cabernet Sauvignon, Carménère, verlässliche Qualität, gutes Preis-Genuss-Verhältnis. Genau diese Abkürzung hat die Masterclass ‚Weinland Chile‘ am 21. Juli 2026 bei Grape Skills in Heidelberg produktiv aufgebrochen.

Ein Abend, um Chile auf Weinart richtig kennenzulernen

In den Räumen von Cynthia Ribeiro-Richter, bei der ich bereits WSET Level 1 und WSET Level 2 absolviert habe, bekam der Abend für mich eine besondere Note: vertraute Lernumgebung, aber ein Thema, das in seiner Breite weit über das klassische Chile-Bild hinausführt. Referent Dr. Sebastián Quiroz, LL.M., WSET Level 3 und Geschäftsführer von QVINOS, führte mit der Perspektive eines Chilenen, Importeurs und Weinvermittlers durch sein Heimatland.

Der stärkste Eindruck des Abends war nicht eine einzelne Flasche, sondern die Bewegung im Glas: Chile zeigte sich als Land großer natürlicher Spannungen – trocken und kühl, alt und modern, exportstark und zugleich erstaunlich kleinteilig, wenn man auf Boutique-Projekte, alte Reben und unabhängige Winzer schaut.

Das Grundmotiv: Anden, Pazifik, Extreme

Die Unterlage der Masterclass verdichtet Chile auf wenige Leitplanken: ein langes, schmales Land von über 4.700 Kilometern Länge, natürliche Grenzen durch Anden, Pazifik, Atacama und Patagonien, rund 212.000 Hektar Rebfläche und eine stark exportorientierte Weinwirtschaft. Der kalte Humboldtstrom wirkt dabei wie ein unsichtbarer Regler für Frische, Nebel und Reifeverlauf.

Für das Verständnis der Weinstile ist besonders hilfreich, Chile nicht nur von Nord nach Süd zu lesen, sondern auch quer: Costa steht für kühlen maritimen Einfluss, Entre Cordilleras für wärmere, mediterran geprägte Lagen zwischen den Gebirgszügen, Andes für Höhe, große Tag-Nacht-Amplituden und präzisere, oft mineralisch wirkende Profile.

Vom Exportland zum Herkunftsland

Chile ist bis heute eine Exportmacht. Die Unterlage nennt mehr als 70 Prozent Exportanteil und mehr als 150 Exportländer; Deutschland wird als wichtiger europäischer Markt eingeordnet. Gleichzeitig war der rote Faden des Abends klar: Die spannendsten aktuellen Entwicklungen liegen nicht allein in Volumen, sondern in Herkunft, Stilistik und Haltung.

Der moderne Stil bewegt sich weg von pauschaler Kraft und starkem Holzeinsatz. Im Fokus stehen Frische, Eleganz, geringere Extraktion, nachhaltiger Weinbau, spontane Vergärung, alte Rebanlagen und traditionelle Sorten wie País, Cinsault und Carignan. Die Bewegung MOVI, die unabhängige Winzerinnen und Winzer sichtbar gemacht hat, ist dabei ein wichtiger Bezugspunkt.

Die Weine des Abends

WeinHerkunftRebsorte(n)Einordnung
GALA BrutValle del Limarí55 % Chardonnay, 45 % Pinot NoirFlaschengärung, 18 Monate Hefelager: ein präziser Einstieg in Chiles kühle, kalk- und küstennahe Seite.
Sauvignon Blanc Expresión 2025, VillardCasablancaSauvignon BlancCosta-Profil mit Frische und klarer Aromatik; wichtig als Gegenbild zum reinen Rotwein-Klischee.
Hand Made Sauvignon Blanc 2022, Trapi del BuenoOsornoSauvignon BlancSüdliche Herkunft, Ausbauanteil in französischer Eiche, kein BSA: Struktur statt bloßer Primärfrucht.
La Novia 2021, Moretta WinesMolinaChenin BlancLanger Ausbau auf der Feinhefe unter Florhefe: ungewöhnlich, eigenständig, mit bewusstem Blick über Standardsorten hinaus.
VIE Chardonnay 2021, Moretta WinesTraiguénChardonnayBarrique-Ausbau in Erst- und Drittbelegung: zeigt, dass Chile auch in Burgunder-Sorten ernsthaft differenzieren kann.
Glup País 2024, LongavíMaulePaísKurze Mazeration, unfiltriert: ein zugänglicher Zugang zu Chiles historischen Reben und leichteren Rotweinstilen.
País 2023, PS GarcíaItataPaísAcht Monate in neutraler Eiche: leiser, herkunftsnaher Stil aus einer der historischen Wiegen des chilenischen Weinbaus.
Carigno del Maule, Moretta WinesCauquenes, MauleCarignan70- bis 90-jährige Reben, Ganztraubenanteil, lange Fassreife: Tiefe und Herkunft statt bloßer Kraft.
Sin Truco Malbec 2021, Moretta WinesColchaguaMalbecRappenanteil, Beton-Ei und ältere Barriques: Frische, Struktur und aromatische Komplexität bewusst kombiniert.
Presumido 2022, Casa BauzáMaipo85 % Carménère, 15 % Cabernet SauvignonCarménère in mehreren Ausbaugefäßen: Foudre, Beton-Ei, Barrique und FlexCube als Werkzeugkasten der Balance.
Sin Truco Carménère 2024, Moretta WinesColchagua90 % Carménère, 10 % CarignanSecano, alte Reben, FlexCube-Anteil: Carménère deutlich weniger brav, deutlich spannender.
Tudor Cabernet Sauvignon 2019, Lagar CodeguaCachapoalCabernet SauvignonKlassischer Anker des Abends: Cabernet als Herkunfts- und Reifethema, nicht nur als internationale Sorte.
ÜberraschungsweinCasablancaSyrah 2021, VillardZum Schluss noch einmal Küste und Würze: Syrah als Beleg für die klimatische Spannweite Chiles.

Warum der Abend zu meiner eigenen Weinreise passt

Für mich war die Masterclass auch deshalb besonders stimmig, weil sie an einem Ort stattfand, der mit meiner eigenen Weiterbildung verbunden ist. Bei Cynthia Ribeiro-Richter und Grape Skills habe ich meine WSET-Level 1 und 2 absolviert; im gleichen professionellen, zugleich offenen Rahmen nun ein Weinland so konzentriert zu erschließen, fühlte sich wie ein weiterer Baustein auf demselben Weg an.

Als Kultur- und Weinbotschafter Pfalz nehme ich aus solchen Abenden immer auch Fragen für die eigene Vermittlung mit: Wie erklärt man Herkunft, ohne sie zu vereinfachen? Wie verbindet man Klima, Böden und Geschichte mit dem sinnlichen Eindruck im Glas?

Fünf Erkenntnisse, die bleiben

  • Chile ist nicht nur warmes Rotweinland. Die kühl geprägten Zonen an der Küste und im Süden liefern Sauvignon Blanc, Chardonnay, Pinot Noir und Syrah mit klarer Frische.
  • País, Carignan und Cinsault sind Schlüssel, um alte Rebanlagen, Buschreben und neue Leichtigkeit zu verstehen.
  • Carménère wirkt am spannendsten, wenn Frische und Struktur bewusst gesucht werden.
  • Die DO-Systematik erklärt Herkunft, aber Qualität entsteht im Zusammenspiel von Lage, Rebenalter, Wasserverfügbarkeit, Erzeugerphilosophie und Kellerarbeit.
  • Boutique-Importe wie die von QVINOS zeigen eine Seite Chiles, die im deutschen Handel leicht übersehen wird.


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