Prof. Dr. Ulrich Fischer sprach über Züchtung, Methodik und neue Entwicklungen bei pilzwiderstandsfähigen Rebsorten. Dazu kamen Weine aus dem Umfeld des Staatsweinguts mit Johannitergut Neustadt-Mußbach, also aus einem Betrieb, der selbst schon viel Geschichte trägt. Genau diese Kombination fand ich reizvoll: eines der traditionsreichsten Weingüter der Pfalz, moderne Rebenzüchtung, wissenschaftliche Sensorik und eine Runde von Kultur- und Weinbotschaftern, die all das später verständlich weitertragen sollen.

Warum PIWI mehr ist als ein Kürzel

PIWI steht für pilzwiderstandsfähige Rebsorten. Das klingt zunächst technisch, fast trocken. Dahinter steckt aber eine der zentralen Zukunftsfragen des Weinbaus: Wie lassen sich Reben so entwickeln, dass sie gegenüber den großen Pilzkrankheiten robuster sind und weniger Pflanzenschutz brauchen, ohne dass die Weinqualität darunter leidet?

Gerade im ökologischen Weinbau ist diese Frage besonders drängend. Das Forschungsprojekt VITIFIT beschreibt sein Ziel als Reduktion und langfristige Ersetzung kupferhaltiger Pflanzenschutzmittel gegen den Falschen Mehltau. Dabei geht es nicht nur um einzelne Sorten, sondern um ein ganzes System aus Pflanzenschutzstrategien, Züchtung, Weinstilistik, Marktakzeptanz, VitiMeteo-Prognosen und Wissenstransfer. Der Abend passte also perfekt in das, was die KWB-Akademie leisten soll: neueste Erkenntnisse so aufbereiten, dass sie in der Weinvermittlung ankommen.

Wichtig war dabei die Differenzierung. PIWI bedeutet nicht: nie wieder Pflanzenschutz, nie wieder Risiko, alles einfach. Es bedeutet: widerstandsfähiger. Robuster. Mit anderen Spielräumen. Aber weiterhin abhängig von Standort, Jahrgang, Krankheitsdruck, Weinbergsarbeit und Kellerhandwerk.

Züchtung ist Geduld, nicht Zauberei

Eine der Folien brachte den Kern wunderbar auf den Punkt: Auf der einen Seite amerikanische und asiatische Wildreben mit Pilzresistenz, aber zunächst wenig geeigneter Weinqualität. Auf der anderen Seite europäische Rebsorten mit sehr guter Weinqualität, aber hoher Anfälligkeit. Die Aufgabe der Züchtung besteht darin, diese Eigenschaften über viele Schritte zusammenzuführen.

Das Julius Kühn-Institut am Geilweilerhof beschreibt genau diese Arbeit als Beitrag zu robusten und klimaangepassten Sorten. Moderne Rebenzüchtung nutzt heute nicht nur Kreuzung und Beobachtung, sondern auch molekulargenetische Verfahren, Markerentwicklung, Genomanalyse und Phänotypisierung. Vereinfacht gesagt: Man sucht nicht blind, sondern versucht früh zu erkennen, welche Nachkommen die gewünschten Resistenzen und Qualitätseigenschaften überhaupt mitbringen.

Für mich war das ein wichtiger Perspektivwechsel. Wer als Weinfreund nur das Etikett sieht, unterschätzt leicht, wie lange so eine Sorte unterwegs ist, bevor sie überhaupt im Glas landet. PIWI ist nicht Modewort. PIWI ist Züchtungsarbeit über Jahre, oft Jahrzehnte.

Die Zukunft muss auch schmecken

Der spannendste Teil des Abends lag für mich dort, wo die Forschung aus dem Weinberg in die Sensorik wechselte. Denn eine resistente Sorte allein verkauft noch keinen Wein. Am Ende muss das Ergebnis schmecken, einordbar sein und kommunikativ funktionieren. Genau hier wurde der Vortrag erstaunlich konkret.

Auf den Folien ging es unter anderem um Sauvignac, Floreal, Laurot und Satin Noir. Bei Sauvignac wurde etwa der stilistische Vergleich zu Cabernet Blanc und Sauvignon Blanc gezogen: höhere Säurewerte, hohe Mostgewichtsleistung, Aromatik zwischen grüner Paprika, Grapefruit und exotischer Frucht, dazu die Frage, wie Maischestandzeit, Vorklärung, Hefestamm oder Barriqueausbau den Stil verändern. Das ist keine Nebensache. Genau daran entscheidet sich, ob PIWI als technische Lösung oder als überzeugender Wein wahrgenommen wird.

Floreal wiederum wurde als französische weiße PIWI-Sorte vorgestellt, die aus einer Kreuzung von Villaris und VRH 3159-2-12 hervorging. Satin Noir zeigte die rote Seite: farbintensiv, würzig, mit Möglichkeiten von Maischegärung, Saftentzug, Holz und Körper. Solche Details machen deutlich, dass PIWIs keine einheitliche Geschmacksrichtung sind. Sie sind ein Werkzeugkasten. Und wie jeder Werkzeugkasten hängt viel davon ab, wer ihn benutzt.

Verbraucher trinken nicht nur Fakten

Besonders hängen geblieben ist mir die Folie zu Verbraucherpräferenzen. Dort wurde sichtbar, dass deutsche, französische und dänische Konsumentengruppen nicht einfach dasselbe mögen. Das gezeigte deutsche Segment bevorzugte würzige Muscaris- und Muskateller-Stile. Französische Verbraucher wurden eher bei blumigen, körperreichen Calardis-blanc- und Muscaris/Muskateller-Weinen verortet. Dänische Verbraucher bevorzugten gelbe Früchte im Sauvignac und auch etwas säurere, früher geerntete Weine, während blumige Muscaris/Muskateller-Stile weniger ankamen.

Für Kultur- und Weinbotschafter ist das fast noch wichtiger als die reine Sortenkunde. Wir reden oft über Herkunft, Landschaft, Geschichte und Handwerk. Aber ein Wein braucht auch eine Sprache, die Gäste erreicht. Wenn ein Mensch beim Wort „PIWI“ innerlich aussteigt, ist noch nichts gewonnen. Wenn er aber versteht, dass dahinter weniger Pflanzenschutz, neue Stilistik, Forschung und ein konkreter Geschmack im Glas stehen, öffnet sich etwas.

Was das mit meiner Weinreise macht

Am Ende nehme ich von diesem Abend keine einfache Botschaft mit. Eher eine Einladung: Zukunftsreben nicht nur unter dem Gesichtspunkt „weniger Pflanzenschutz“ zu betrachten, sondern als ernsthafte Weine, die ihren eigenen Stil entwickeln. Nicht jede Sorte wird jeden Menschen erreichen. Aber genau deshalb lohnt es sich, darüber zu sprechen, zu probieren und die eigene Wahrnehmung offenzuhalten.

Denn Zukunft im Weinbau entsteht nicht erst im großen politischen Satz. Manchmal beginnt sie im Hörsaal, auf einer Folie, mit einem ungewohnten Sortennamen – und dann ganz schlicht im Glas.


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