Ein Rückblick auf ein Weinjahr beim Weingut Phillip Heinz – und auf die Zeit, in der meine Weinreise begann…

Es gibt Erfahrungen, die man erst später richtig begreift. Während man mittendrin steckt, sind sie einfach da: ein Samstag im Weinberg, festes Schuhwerk, Rebschere in der Hand, eine Unmenge erklärender Worte, dann der erste eigene Schnitt. Man macht mit, hört zu, fragt nach, lacht, probiert. Und irgendwann, oft erst im Rückblick, merkt man: Es war nicht nur ein schöner Tag, es war der Beginn von einem tiefgehenden Interesse.
So ging es mir mit „Winzer für ein Jahr“ beim Weingut Phillip Heinz in Kapellen-Drusweiler, einem Angebot des Vereins der Kultur- und Weinbotschafter Pfalz. Ich mochte Wein schon vorher, nicht bloß als Getränk. Sondern als Kulturgut, als Verbindung von Landschaft, Geschichte, Handwerk, Genuss und Menschen. Aber mögen ist das eine. Verstehen wollen ist etwas anderes. Und zwischen diesen beiden Dingen lag für mich ein Jahr im Rhythmus der Rebe.
Wein beginnt lange vor dem ersten Schluck
Das Programm „Winzer für 1 Jahr“ führt bewusst nah an die Praxis heran: vier Aktionstage im Weinberg und Weingut, dazu eine gemeinsame Abschlussveranstaltung. Im Winter beginnt es mit dem Rebschnitt. Im Frühjahr geht es um Weinbergspflege, Boden, Rebveredelung und Laubarbeit. Im Sommer rücken Vegetation, Traubenzone, grüne Ernte, Rebsorten und Kellerfragen näher. Im Herbst folgt die Lese, der Blick ins Kelterhaus, die Gärung und schließlich der eigene kleine Weinansatz im Glasballon. Die eigenen Weine bei der Abschlussveranstaltung verkostet und besprochen. Was eine Riesengaudi ist, man ahnt gar nicht, was da geschmacklich alles entstehen kann!
Aber davor: Wer einmal selbst vor einem Rebstock steht, begreift schnell, dass Wein nicht erst im Glas beginnt. Wein beginnt mit Entscheidungen. Was bleibt stehen? Was wird entfernt? Wie viel Ertrag ist sinnvoll? Wie reagiert der Weinberg auf Wetter, Boden, Pflege, Schädlinge, Trockenheit, Regen, Sonne? Und wie viel Erfahrung braucht es, um nicht nur Arbeit zu erledigen, sondern im richtigen Moment das Richtige zu tun? Plötzlich ist eine Flasche Wein nicht mehr einfach eine Flasche Wein. Sie ist verdichtete Zeit.

Rebschnitt, Lese, Most: und dazwischen sehr viel Staunen
Man kann sicher viel und lange über Rebschnitt lesen, Fotos anschauen, Fachbegriffe lernen und sich erklären lassen, warum altes Holz entfernt und neues Fruchtholz vorbereitet wird. Aber erst wenn du selbst die Schere ansetzt, spürt man die Verantwortung. Vor allem mit dem kritischen Blick des Winzers im Rücken.
Beim Rebschnitt entscheidet sich, wie zukünftig gearbeitet werden kann: Manuell oder mit der Maschine, ob als Entlauber oder mit dem Vollernter. Bei der Laubarbeit bekommt der Weinstock Licht und Luft, um einerseits sonnengeschützt zu sein, damit die Beeren nicht zu schnell reifen oder gar einen Sonnenbrand abbekommen. Andererseits sollen sie nach Regen schnell abtrocknen, damit kein Potenzial für Fäulnis entsteht. Hier hat jede Rebsorte ihren eigenen Ausprägungen und dann kommt noch die Lage dazu.
Bei der grünen Ernte entscheidet man sich bewusst gegen Menge und für Konzentration. Bei der Lese wird aus einem Jahr Arbeit ein Moment, der sitzen muss. Und im Keller zeigt sich dann, dass auch Most nicht einfach Most ist, sondern ein Versprechen mit eigener Dynamik. Diese Abfolge hat meinen Blick auf Wein verändert. Ich schmecke seitdem anders. Nicht besser im Sinne von wichtiger. Aber aufmerksamer. Hinter Säure, Frucht, Körper, Duft und Struktur stehen plötzlich Bilder: Rebstöcke, Hände, Eimer, Scheren, Wetter, Gespräche, Kellerluft.
Bei Phillip Heinz bekam dieses Lernen eine Form, die mir sehr entgegenkam: praxisnah, herzlich, direkt und mit einer wohltuenden Portion Pfälzer Unverkrampftheit. Fachlich genug, um Substanz zu haben. Locker genug, damit man sich traut, auch einfache Fragen zu stellen.

Was bleibt, wenn das Jahr vorbei ist
Am Ende stand nicht nur DIE Abschlussverkostung. Natürlich war es spannend, den eigenen Wein aus dem Glasballon zu probieren und ihn mit dem Wein des Winzers vom selben Most zu vergleichen. Oder noch besser, mit den der anderen Kollegen. Schon diese Gegenüberstellung zeigt auf ziemlich charmante Weise, wie viel Kellerarbeit, Erfahrung und Fingerspitzengefühl bedeuten. Aber geblieben ist mehr als diese Verkostung.
Geblieben ist ein anderer Respekt vor dem Handwerk. Ein anderes Verständnis für die Menschen, die Jahr für Jahr mit Natur, Risiko, Geduld und Erfahrung arbeiten. Und geblieben ist die Einsicht, dass Wein dann besonders spannend wird, wenn man ihn nicht isoliert betrachtet. Wein ist Landschaft. Wein ist Boden. Wein ist Klima. Wein ist Arbeit. Wein ist Kultur. Wein ist Gespräch. Und manchmal ist Wein auch der stille Hinweis, dass man einem Thema noch lange nicht auf den Grund gegangen ist.

Rückblickend war „Winzer für ein Jahr“ für mich kein einzelnes Weinerlebnis. Es war der Moment, in dem mein Interesse an Wein Boden fasste und sich verwurzelte. Ebenso die Enge Bindung an das Weingut und die Familie Heinz.
Daraus ist später mehr gewachsen: Mehr Lernen, mehr Fragen, mehr Blick auf Kultur, Geschichte, vor allem Sensorik und Vermittlung dessen, was man an Aromen in der Nase riecht und am Gaumen schmeckt. Aber das sind eigene Meilensteine und eigene Einträge wert. Geschichten über die Pfalz, über Weinwissen, über die Kurpfalz, über Menschen und Orte, die den Wein nicht nur begleiten, sondern erklären helfen. Manchmal beginnt ein Weg nicht mit einem großen Entschluss. Manchmal ist es einfach nur ein Schnitt an einer Rebe.



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